Obdachlose zeigen Touristen ihre Stadt – Interview in Barcelona

An dieser Stelle habe ich viele Nächte verbracht“. Juan zeigt uns eine kahle Gasse. „Und da drüben – seht ihr das? Da habe ich mit 300 anderen in der Schlange gestanden und gewartet um eine Mahlzeit zu erhalten“. Dem Spanier mit dem ansteckenden Lachen hört man gerne zu wenn er seine sehr persönlichen Geschichten erzählt. 30 Jahre seines Lebens hat er in Deutschland verbracht – dann wurde er abgeschoben und obdachlos. Auf den Straßen Barcelonas hat er einiges erlebt.

Seit Oktober 2013 führen „Leute von der Straße“ wie Juan Touristen entlang der Sehenswürdigkeiten  zu außergewöhnlichen Plätzen. Eigentlich ganz logisch. Wer kennt die Ecken Barcelonas schließlich besser als seine Obdachlosen? Niemand. „Hidden City Tours“ – Stadführungen im Verborgenen. Gegründet wurde das Unternehmen von der Wahlspanierin Lisa Grace. Lange arbeitete sie in der Marktforschung. Doch dann brachte ein Schicksalsschlag die Wendung in ihrem Leben. Im Interview erzählt sie mehr über ihr Projekt:

Wie entstand ‚Hidden City Tours‘?

„Gegen Ende des Jahres 2012 habe ich meinen Job verloren. Da ich zwei kleine Kinder habe, brauchte ich etwas flexibles. In Spanien ist es allerdings sehr schwierig Teilzeitjobs zu finden. Es erschien mir daher optimal mich selbstständig zu machen.

Ostern 2013 habe ich in meinem Heimatland England das erste Mal Stadtführungen gesehen, die von Obdachlosen gehalten wurden. Da habe ich mir sofort gedacht: das wird in Spanien perfekt funktionieren! In Barcelona leben zwischen 3000 und 6000 Menschen auf der Straße, so genau kann man das nicht sagen. Es sind aber definitiv viele! Jeden Abend habe ich dieselben Menschen vor meinem Haus gesehen, die sich auf eine unschöne Nacht unter freiem Himmel vorbereiteten.

Meine Motivation hat daher zwei Ursprünge. Auf der einen Seite gibt es da natürlich das persönliche Interesse: Geld für meine Familie verdienen. Doch einen großen Teil macht der Wunsch, den Obdachlosen zu helfen, aus.“

Bewerben sich die Guides?

 „Ich nehme Kontakt mit Wohltätigkeitsorganisationen und dem Sozialservice auf. Juan habe ich in einer der Suppenküchen kennengelernt. Ich bin immer auf der Suche nach sozialen Projekten und setze mich dann mit den Verantwortlichen in Verbindung. Mittlerweile kooperieren wir auch mit der Suppenküche. Sie stellen uns ihre Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung. Es besteht also stetige Kommunikation zwischen Hidden City Tours, Wohltätigkeitsorganisationen und dem Sozialservice in Barcelona.

Lisa Gruppe verschwommen

Heute Abend treffe ich noch einen Mann, der ebenfalls bei der Suppenküche arbeitet. So sieht es momentan aus: ich finde die Leute. Lediglich einmal habe ich tatsächlich eine Bewerbung erhalten.“

Was macht die Führungen aus?

 „Unsere Touren sind etwas ganz besonderes. Geschichtliche Daten, soziale Aspekte und die ganz persönlichen Erfahrungen des Guides werden gemischt. Das ist etwas, was man bei einer normalen Tour nicht zu hören bekommt. Juan war zu Beginn des Trainings aufgrund der etlichen Daten sehr besorgt. Wenn jemand sehr tief greifende geschichtliche Fakten erfahren möchte, dann muss er eine andere Tour buchen.

Viele Menschen möchten Wohltätigkeitsorganisationen mit Geld unterstützen, auch auf ihren Reisen. Doch das hier ist etwas anderes. Man schafft Arbeitsstellen, die das Leben Bedürftiger grundlegend ändern.

Der „typische“ Guide hat einen Regenschirm oder ähnliches bei sich. Diesem folgen dann 50 Menschen, wenn nicht sogar noch mehr. Der Guide muss ein Mikrofon benutzen. Vermutlich erfährt man nicht mal seinen Namen. Unsere Gruppen hingegen sind klein. Die Atmosphäre ist familiär und gelassen. Es gibt keinen strickten Zeitplan. Die Führungen sind zwar auf zwei Stunden angesetzt, dehnen sich gerne aber auch mal auf drei aus. Nicht selten kommt es dann vor, dass Guide und Gäste nach der Führung gemeinsam eine Mahlzeit einnehmen und ihre Gespräche weiterführen.

Juan Studenten

Unsere Guides haben ein hohes Einfühlungsvermögen. Ich verbringe einfach unglaublich gerne Zeit mit ihnen. Das ist eine gute Eigenschaft für einen Stadtführer.

Oft machen Studenten Stadtführungen nebenbei um sich etwas dazu zu verdienen und sind dann nicht ganz bei der Sache. Bei uns ist das anders. Die Guides erzählen leidenschaftlich ihre Geschichten. Man kann damit rechnen, einen gut ausgebildeten Stadtführer zu erhalten. Unsere Jungs sind umfangreich trainiert. Ich weiß das, denn schließlich führe ich die Trainings selber durch.“

Wie sieht das Training aus?

 „Jeder Guide hat einen Ordner. In diesem sind alle Informationen enthalten, die sie brauchen. Sie benötigen ihn lediglich bei Nachfragen. Die meisten Informationen sind in ihren Köpfen. Ihre Geschichten sind einzigartig. Die Menschen können sämtliche geschichtlichen Fakten auf ihren Smartphones nachschauen. Bei Hidden City Tours erfahren sie Einzelheiten über die Stadt, die nur die Guides kennen.

Lisa Training

Für das Training splitten wir die Routen. Es dauert einen Monat und beinhaltet vier Blöcke. Wir befassen uns mit einem Block pro Woche. Erst trage ich ihnen die Führung vor. Anschließend drehen wir das ganze um und sie führen mich. In vier Wochen kommen so 60 – 80 Stunden Training zusammen. Zwischendurch mache ich immer wieder sporadische Kontrollen. Ich nehme dann an einer Tour teil und beobachte die Jungs, um zu sehen, ob sie an der einen oder anderen Stelle noch Hilfe benötigen.“

Wie viel verdienen die Guides?

 „Sie erhalten die Hälfte der Einnahmen der Touren, die sie machen. Zusätzlich erhalten sie für jede positive Bewertung auf TripAdvisor 5 Euro. Diesen Zusatzbonus bekommen sie dann zweimal jährlich ausgezahlt – den ersten Teil im Sommer und den zweiten zu Weihnachten.“

Wie sehen die Ziele für die Zukunft aus?

 „Nun, momentan arbeite ich daran einige unserer Guides ein wenig fitter in den Sprachen Englisch und Deutsch zu machen. Das Training wird im September starten. Die Gästezahl steigt, ich werde vermutlich mehr englischsprachige Stadtführer einstellen.

Zudem spiele ich mit dem Gedanken nächstes Jahr ein Franchise-Unternehmen zu gründen. Ich möchte Hidden City Tours neben Barcelona auch in anderen spanischen Städten etablieren. Zunächst vermutlich in Madrid – dann aber auch in weiteren Städten im Süden.“

Lisa Grace Profilbild


Name: Lisa Grace
Alter: 40 Jahre
Herkunft: Manchester
Wohnort: Barcelona
Beruf: Eigentümerin von Hidden City Tours


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14 Kommentare

  1. Hallo Julia,

    diese Stadtführungen klingen wirklich spannend. Das ist ein tolles Projekt, bei dem alle Seiten profitieren und Obdachlose es vielleicht auf längere Sicht auch schaffen, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen.

    Liebe Grüße,

    Alex

    • Hallo Alex,

      da hast du Recht und das funktioniert auch tatsächlich. José lebt nun schon länger in einer Mietwohnung 🙂

      Nimm unbedingt einmal teil falls du in Barcelona sein solltest 🙂

      Liebe Grüße,

      Julia

  2. Hallo Julia,
    eine tolle Idee, um eine Stadt und ihre Menschen richtig kennen zulernen. Habe deinen Beitrag direkt mal in FB geteilt. Werde mir die Idee für meinen nächsten Barcelonabesuch notieren.

    LG
    Renate

    • Hallo Renate,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar und das Teilen 🙂 Wünsche dir viel Spaß bei der Tour, wenn du sie denn machst 🙂

      Liebe Grüße,

      Julia

  3. Hi,
    Die klassischen Stadtführungen mache ich grundsätzlich nicht, da ich sämtliche Informationen auch selber nachlesen kann. Das hier ist hingegen eine wirklich coole Idee, da man Einblicke in eine Stadt bekommt, die persönlicher nicht sein könnten.

    Ich spiele mit dem Gedanken so was mal zu besuchen. Hast du denn selber auch teilgenommen?

    Gruß Markus

    • Hey Markus,

      ja, ich habe vergangenen Sommer mit meiner Schwester an solch einer Tour teilgenommen 🙂

      Ich kann sie dir absolut empfehlen, da kannst du wirklich nichts falsch machen 🙂 Wir haben Juan nach unserer Tour noch zum Mittagessen eingeladen, da wir gar nicht genug von seinen Geschichten bekommen konnten. Wir haben so wirklich viel Zeit mit ihm verbracht. Es war ein echt toller Tag 🙂

      Ganz liebe Grüße,

      Julia

  4. Hej,
    ich finde das eine unglaublich tolle Idee und bin deiner Meinung, dass kein anderer die kleinen versteckten Orte einer Stadt so gut kennt, wie ein Obdachloser. Und die meisten Menschen interessiert nicht nur die Geschichte einer Stadt, sondern die Geschichten der Stadt.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Glück mit deinem Projekt.
    Liebe Grüße
    Heike

    • Liebe Heike,

      herzlichsten Dank für deinen lieben Kommentar. Ich finde, das hast du sehr schön umschrieben mit den Geschichten 🙂 Genau so geht es mir! Und wohl auch vielen anderen.

      Ganz liebe Grüße,

      Julia

    • Liebe Viola,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Freue mich auf deine Besuche 🙂

      Ganz liebe Grüße,

      Julia

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