Das Wälderhaus ist das erste Gebäude seiner Art – ein Interview mit dem Hoteldirektor

Es ist ein ganz normaler Wochentag und ich sitze in der Lobby. Zwei Grundschulklassen versammeln sich. Die Kinder können es kaum abwarten die Führung durch das Science Center zu starten. Gleichzeitig gehen 60 Audi-Verkäufer im Anzug die Treppe rauf. Für sie steht heute eine Schulung im Forum Wald an. Im Restaurant gesellen sich derweil Touristen aus dem Hotel zu den Wilhelmsburgern aus der Nachbarschaft. Das ist doch einzigartig. Wo kommen derartig unterschiedliche Gruppen sonst noch zusammen?“ Marc Dechow, Hoteldirektor des Raphael Hotels Wälderhaus, strahlt förmlich wenn er von seinem Hotel und dem Alltag dort erzählt. Man merkt, da ist jemand mit Herz bei der Sache.

Das Raphael Hotel ist in das Wälderhaus Hamburg integriert. Dieses ist ein Multifunktionsgebäude, das erste seiner Art. Unter seinen Dach finden das Science Center Wald, das Forum Wald, das Restaurant Wilhelms sowie das Raphael Hotel Wälderhaus Platz. Mehr über dieses außergewöhnliche Projekt erzählt Marc Dechow im Interview:

Wie ist das Projekt Wälderhaus samt dem Raphael Hotel entstanden?

 „Das Wälderhaus liegt in Hamburg Wilhelmsburg, im Süden der Stadt auf der anderen Seite der Elbe. Das ist ein Bereich, dem man Jahre lang keine wirkliche Beachtung geschenkt hat. Früher wurde im Norden gewohnt und im Süden war Industrie. Die Hamburger verbinden mit Wilhelmsburg meist nichts gutes. Der Hartz-IV-Empfänger- und Migrantenanteil hier ist sehr hoch.

Mit der internationalen Bauaustellung (IBA) und der internationalen Gartenschau hat man den Sprung über die Elbe nun geschafft. Die beiden Projekte waren Ausschlag für den Ausbau in den Süden Hamburgs.

Die ehemalige Blumenhalle der Gartenschau wurde zu einer Sporthalle umfunktioniert, in der nun die 2. Bundesliga-Basketball-Mannschaft Hamburgs spielt. Die Halle befindet sich dem Wälderhaus direkt gegenüber. Zusätzlich gibt es neue Wohngebäude, die konzeptionell in die Bauaustellung eingebunden wurden. Die Neubauten fördern die positive Entwicklung des Stadtteils. Dieser Wandlungsprozess setzt sich momentan ständig fort.

Hamburg Zitterpappel

Das Wälderhaus Hamburg ist ein Exzellenz-Projekt der IBA. Der Investor ist die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V. Landesverband Hamburg. Diese kümmert sich um die gesamte inhaltliche Umsetzung des Projektes. Wir hingegen übernehmen das Hotelmanagement. Und dann gibt es noch einen dritten Partner, die Gastronomie. Diese Aufteilung ist sehr effektiv, so macht jeder das, was er am besten kann.

Fragt man in Hamburgs Grundschulen wer schon einmal im Wald war, so ist die Zahl der erhobenen Finger erschreckend niedrig. Das Science Center Wald im Wälderhaus bietet einen Erstkontakt zum Thema Wald. Aber auch für Erwachsene gibt es spannendes zu entdecken. Das Thema Wald zieht sich durch das gesamte Gebäude. So haben unsere Hotelzimmer alle einen Baum- oder Strauchpaten. Über eine Infotafel und einen Teil der Pflanze auf dem Zimmer erfährt man mehr über die jeweilige heimische Art. Neben diesem inhaltlichen Schwerpunkt spielt der Aspekt Nachhaltigkeit eine ganz große Rolle.

Im November 2012 haben wir das Gebäude eröffnet. Im Mai 2013 war dann die Gartenschau in Hamburg.“

Der hohe Nachhaltigkeitsgrad wird unter anderem durch die außergewöhnliche Gebäudekonstruktion erreicht. Was macht diese so besonders?

 „Der Architekt Andreas Heller hat das Gebäude nach dem Vorbild eines Stückes Holz konstruiert. Das Grundgerüst ist somit eine Nachbildung dieser sehr natürlichen Form.

Die Fassade besteht aus unbehandeltem Lärchenholz. Natürlich wird auch hier wieder das Thema Holz aufgegriffen. Das Besondere ist jedoch, dass dieses Fassade begrünt und vor allem auch bewohnbar ist. Ganz versteckt kann man immer wieder Nistmöglichkeiten entdecken. Auf dem Dach befinden sich zudem 9000 Pflanzen. Die Pflanzen werden von Studenten der Hafen City Universität Hamburg gepflegt und untersucht. Das Projekt soll Antworten auf die Frage des Einflusses der Bepflanzung auf das Mikroklima und die Tiere geben.

Hamburg Treppenhaus Schilder

Ursprünglich sollte das gesamte Gebäude aus Holz gebaut werden. Aus brandschutztechnischen Gründen war das im Eingangsbereich leider nicht möglich, hier mussten wir Stahlbeton verwenden. Doch die Hoteletagen, die sich komplett aus Holz. Was man in den Zimmern sieht ist also keinesfalls bloß eine Verkleidung sondern massiv.“

Das Gebäude kommt beinahe an einen Passiv-Gebäude-Standard heran. Wie wird dieser Standard erreicht?

 „Unsere Hotel-Zimmer erreichen einen Passiv-Haus-Standard. Für die Lobby trifft das leider nicht zu, da dort die Türe einfach zu oft auf und zu geht. Daher bloß „beinahe“.

Einen großen Teil dieses „Passiven“ macht der Grad der Isolation aus. Die ist wirklich hervorragend bei uns. Das merkt man auch auf den Zimmern, da bekommt man von den Außengeräuschen kaum etwas mit. Durch eine ständige Be- und Entlüftung muss man nicht einmal ein Fenster öffnen um frische Luft zu erhalten.

Hamburg Zimmer Bad

Benötigte Energie produzieren wir teilweise selber. Da gibt es zum einem die Geothermie. Das muss man sich so vorstellen: das Gebäude steht auf etwa 100 Pfeilern. Diese Pfeiler sind aktiviert. Das heißt man leitet Wasser durch die Pfeiler nach oben an die Oberfläche. Durch eine Wärmepumpe wird die entstehende Energie dem Wärmekreislauf hinzugeführt.

Zusätzlich sind wir an das Nahwärmenetz eines Biomethan-Blockheizkraftwerks angeschlossen. Eine Photovoltaikanlage haben wir auch, doch die ist recht klein für ein Gebäude dieser Art. Was wir dann noch an Energie benötigen an Strom, das kaufen wir als Öko-Strom dazu.

Und dann gibt es noch die Wärmerückgewinnung. Die Abluft aus den Zimmern wird in das Wärmesystem zurückgeführt und somit wiederverwendet.

Hamburg Hotel Lobby

Diese nachhaltige Ausrichtung zieht sich bis zu Details wie der Beleuchtung durch. Bereits jetzt sind etwa 85 % unsere Birnen LED-Leuchtmittel. Sobald wir passende LED-Lampen gefunden haben, werden wir auch die restlichen Energiesparlampen ersetzen.“

Das Hotel hat ein eigenes Umwelt-Management-System entwickelt. Wie wurde dieses auf die Beine gestellt?

 „Im nachhaltigen Tourismus-Bereich gibt es zahlreiche Zertifikate, die Hotels auszeichnen. Wir haben für uns selber entschieden, dass in unserem Fall solch ein Zertifikat nicht viel Sinn macht. Daher wir uns für einen andere Variante entschieden: Ökoprofit.

Ökoprofit wird hier in Hamburg von der Umweltbehörde geleitet. Im Laufe eines Jahres nimmt man an 10 Workshops teil und behandelt so sämtliche Bereiche des Umwelt-Managements. Bei diesem Programm handelt das Team aktiv und es stellt somit einen Kontrast zu dem eher passiven Zertifikat dar.

Hamburg Was ist Wald

Während dieser 12 Monate haben wir Know-How in Bereichen wie Energieeinsparung, Mülltrennung und aber auch der Mitarbeiterführung aufgebaut. In diesem Lernprozess haben wir uns eine ganz eigene Struktur erschaffen mit dem Ergebnis eines individuellen Umwelt-Management-Systems.

Natürlich gab es am Ende dann auch das Ökoprofit-Zertifikat. Das ist gerade international ziemlich unbekannt. Doch das ist uns egal. Was zählt ist die gewonnene Erfahrung und die Umsetzung dieses neu erlangten Wissens in unserem Hotelalltag.“

Was macht den Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg aus?

 „Der Stadtteil ist sehr dynamisch und vielfältig. Es gibt hier viele bunte, lebendige Ecken. Das Flair ist wirklich einzigartig. Auf der anderen Seite gibt es hier aber auch ein Naturschutzgebiet, das erreicht man mit dem Fahrrad in gerade einmal 10 Minuten. Man befindet sich dann Mitten in der Natur.

Der neue errichtete Sportpark prägt Wilhelmsburg. Er steckt noch in der Entwicklung. Die Idee ist es, dass die Menschen Sport machen können, ohne im Verein sein zu müssen. Es gibt verschiedene große Projekte. Das Angebot soll vom Badminton bis hinzu zum Klettern reichen, und das alles unentgeltlich. Ermöglicht wird dies durch die Genossenschaft Sportpark. Diese besteht aus etwa 25 Playern aus den verschiedenen Sportbereichen. Aufgrund unsere Lage sind auch wir ein Teil dieser Genossenschaft, ein Sportbezug ist also kein Muss.

Hamburg Zimmer Baum

Das Wälderhaus ist mit einem eigenen Projekt Steppenwolf aktiv dabei. Vier engagierte junge Leute, meist angehende Lehrer, versuchen über den Sport an Kinder aus schwierigen Verhältnissen heranzukommen. Das funktioniert sehr gut. Der Sport ist nur der erste Schritt. Beim Gestalten von Logos für eigene T-Shirts werden die Kinder dann auch richtig kreativ. Durch die eine oder andere Nachhilfestunde verbessert sich zudem die schulische Leistung der Teilnehmer. Es ist schön zu sehen, welch großen Zulauf dieses Projekt erfährt. So können wir unseren ganz eigenen Beitrag zur positiven Entwicklung des Stadtteils Wilhelmsburg leisten.“

Meine Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit…

 „Ich finde man spürt förmlich, dass es eine allgemeine Entwicklung in der Gesellschaft gibt, die in Richtung Nachhaltigkeit geht. Immer mehr Menschen machen sich immer mehr Gedanken. Über alles Mögliche. Unsere Gäste sind keine klassischen „Ökos“. Doch man merkt, dass die Menschen ein Stück weit sensibler sind für die Themen Gesundheit und Wohlbefinden. Und diese beiden Aspekte erreichen wir in diesem Hotel durch Nachhaltigkeit. Liegt man in einem Bett mit Biobaumwolldecke und weiß, dass um einen herum keine giftigen Stoffe sondern reines natürliches Holz ist, dann fühlt man sich gut. Nachhaltigkeit und Komfort sind somit kein Widerspruch, ganz im Gegenteil!

Mittlerweile habe ich das Gefühl fast täglich auf das Thema Nachhaltigkeit zu stoßen. Und das ist auch gut so. Verschwendung beruht auf Verdrängung. Je mehr Aufmerksamkeit das Thema in der Öffentlichkeit erhält, desto weniger kann man es verdrängen.

Wir möchten daher mit unserem Projekt auch ein Stück weit polarisieren. Es gibt Menschen, die kommen hier rein und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. In ihren Augen ist das Gebäude unfertig, da in der Lobby die Decke und die Tapete an den Wänden fehlt. Natürlich ist das nicht jedermanns Geschmack. In unseren Augen ist es ästhetisch und wenn es dann auch noch zur Diskussion anregt, umso besser.“

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Name: Marc Dechow
Alter: 47 Jahre
Herkunft: Hamburg
Wohnort: Hamburg
Beruf: Hoteldirektor


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6 Kommentare

  1. Hallo Julia,

    danke für dieses schöne Interview. Ich hatte mir deinen Blog aus der Liste vom Blogger Kommentiertag gefischt,war aber nicht zum Kommentieren gekommen. Aber das kann man ja schließlich nicht nur an diesem einen Tag. 😉

    Ich war im letzten Sommer mit meinem Mann und den Kindern in diesem Hotel. Bei dir jetzt das Interview zu lesen, hat mich daran erinnert, dass ich schon längst darüber bloggen wollte… Dieses Hotel ist eines meiner Empfehlungen für Familien, die in Hamburg schöne Hotels suchen. Aber bis auf eine Fotocollage und ein paar Zeilen habe ich noch nicht geschafft, darüber zu berichten. (http://www.berlinfreckles.de/reisen-mit-kindern/familienfreundliche-hotels-hamburg)

    Dabei ist das ein echter Geheimtipp. Dieses Hotel hat keinen Pool, aber diese tolle Schwimmhalle direkt vor der Tür. Es gibt auch keinen Kinderclub, aber der Park mit so vielen Möglichkeiten zum Spielen und Toben, liegt direkt vor der Tür.

    LG Sophie

    • Liebe Sophie,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Freut mich, dass dir das Interview gefallen hat.

      Die Lage des Hotels ist wirklich optimal! Wilhelmsburg ist ein Stadtteil mit Potential und da wird es denke ich in Zukunft noch viele weitere spannende Dinge zu entdecken geben.

      Ich werde gleich auch direkt ein wenig durch deinen Blog stöbern, bin gespannt was du noch so alles in Hamburg entdeckt hast 🙂

      Ganz liebe Grüße,

      Julia

  2. Hi Julia,
    ein sehr interessantes Projekt, das du hier vorstellst!
    Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu lernen ist besonders im Kindesalter sehr wichtig. Umso besser, dass es im Wälderhaus den Kleinen spielerisch beigebracht wird.
    Außerdem zeigt es mal wieder, dass ökologisch sehr stylisch sein kann!

    Bei meinem nächsten Besuch bei meiner Freundin in Hamburg werde ich dort auf jeden Fall einen Tag einplanen. Danke für die Vorstellung!

    Liebe Grüße,
    Carina

    • Liebe Carina,

      da hast du absolut Recht! Ich finde es schön zu sehen, dass es immer mehr solcher Projekte gibt.

      Bin gespannt auf deine Berichte über den Besuch im Wälderhaus. Wünsche dir schon jetzt einmal einen tollen Aufenthalt 🙂

      Ganz liebe Grüße,

      Julia

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