Das weltweit erste Passiv-Haus-Hotel im urbanen Raum – ein Interview mit der Hoteldirektorin

Nach gerade einmal 5 Minuten Fußweg vom Bahnhof-West erreiche ich das Boutiquehotel Stadthalle Wien. Beim Betreten werde ich herzlich willkommen geheißen. Mein Blick schweift durch die Lobby. Er wandert von den frischen Getränken über die in Handarbeit geschaffenen Kunstwerke an den Wänden und bleibt schließlich an den einladenden bunten Sitzmöbeln hängen. Auf Anhieb fühle ich mich wohl.

In meinem Zimmer angelangt wird dieses Gefühl noch verstärkt. Der Raum ist modern und gemütlich eingerichtet. Beim näheren Betrachten der Einrichtungsgegenstände entdecke ich immer wieder neue Dinge. Erst vor kurzen wurde das Zimmer renoviert – mit Upcyling-Möbeln. Durch Umfunktionierung wurden aus alten Gegenständen neue geschaffen. Meine Jacke hänge ich an einer gebogenen Gabel auf. Der Nachttisch besteht aus bunt zusammen gewürfelten Büchern. Ich bin begeistert von dieser Kreativität. Die Einrichtung ist definitiv individuell und zudem durchweg nachhaltig.

Ich gehe zum Fenster und schaue in den Innenhof. Vor mir eröffnet sich eine grüne Oase. Die gesamte Fassade ist mit Pflanzen bedeckt, auf dem Dach des Frühstückraums erstreckt sich ein Lavendelfeld. Ein Vogel zwitschert sein Lied. Schnell vergisst man, dass man sich mitten in der Stadt befindet.

Wien Hotel Innenhof

Die begrünte Fassade, welche unter anderem der Isolation dient, ist nicht die einzige Besonderheit dieses Gebäudes. Im Jahr 2009 erweiterte die Hoteleigentümerin Michaela Reitterer das Stammhaus um ein Passiv-Gebäude. In Wien eröffnete somit das erste Null-Energie-Bilanz-Hotel im urbanen Raum weltweit. Das Gebäude erzeugt genau so viel Energie, wie es verbraucht. Wie ist das möglich? Ganze 130 qm Solarfelder, eine 90 qm große Photovoltaikanlage und die Grundwasserwärmepumpe erzeugen täglich Energie. In Planung sind drei Stadtwindräder. Für die Toilettenspülung wird gesammeltes Brunnenwasser verwendet. In sämtlichen Räumen werden ausschließlich sparsame LED-Birnen verwendet. In den Zimmern gibt es keine Minibars, und das ist auch gut so! Ganze 21.024 kg CO2 werden so pro Jahr eingespart. Alle diese Maßnahmen, und noch einige mehr, sorgen für einen Aufenthalt mit ruhigen Gewissen.

Reist man mit dem Fahrrad an, oder mietet Vorort eins, so kann man dieses sicher im Radkeller unterstellen. Dort bietet sich zudem die Möglichkeit den Akku seines E-Bikes aufzuladen. Für Elektroautofahrer soll es in naher Zukunft zwei Tankstellenparkplätze vor dem Hotel geben, an denen die Fahrzeuge geladen werden können. Benötigt man ein Taxi, so ordert das Hotelpersonal gerne ein Hybrid-Taxi.

Nach der langen Reise mit dem Zug freue ich mich sehr auf das reichhaltige Frühstücksbuffet. Eine große Auswahl mit zum Teil regionalen Bio-Produkten erwartet mich. Bewusst wird auf kleine Verpackungen verzichtet, um Müll zu vermeiden. Auch an Vegetarier und Veganer wurde gedacht. Direkt neben den Sojadrinks stehen unzählige Schalen mit verschiedensten Nüssen und Trockenfrüchten. Ich frage mich, welche Menschen in diesem Hotel übernachten. Mit einem Blick durch den Speiseraum wird eins schnell klar: die Gäste sind bunt gemischt. Am Nebentisch beißt ein Kleinkind genüsslich in sein Schoko-Croissant. Gegenüber von mir schaut sich ein junges Paar verliebt in die Augen. Noch einen Tisch weiter unterhalten sich vier Männer im Anzug auf Englisch.

Neben all diesen Eindrücken erfahre ich im Interview mit Claudia Plot (Hoteldirektorin) noch ein wenig mehr über das außergewöhnliche Projekt „Null-Energie-Bilanz-Hotel“ und Wien als grüne Stadt:

Welche Zielgruppe spricht das Boutiquehotel Stadthalle Wien an?

 „Ein großer Teil unserer Gäste lebt einen grünen Lifestyle. Ihnen ist die Umwelt und Nachhaltigkeit besonders wichtig. Sie legen Wert auf Bio-Produkte und Innovationen. Grüne Firmen – also Firmen, die im Nachhaltigkeitsbereich tätig sind – gehören auch dazu. Diese bekommen bei uns Sonderkonditionen. Ebenso erhalten Gäste, die mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen 10 % Rabatt auf Ihren Aufenthalt. Für unsere Stammgäste ̶ also Gäste, die dem Green Guest Club beigetreten sind ̶ gibt es zudem ab der 2. Buchung 10 % Nachlass auf ihren Aufenthalt. Die beiden Rabatte können nicht miteinander kombinierbar werden und sind nur bei Direktbuchung gültig“

Immer wieder startet das Hotel spannende Projekte. Welches ist das neuste?

 „Erst vor wenigen Monaten haben wir das Zahnbürsten-Recycling-Projekt in Gang gebracht. Obwohl wir dieses bis jetzt noch nicht viel umworben haben, besteht bereits ein großer Rücklauf. Wir haben eine Waschmaschinentrommel als Sammelbehälter umfunktioniert. In dieser sammeln wir nun alte Zahnbürsten, leere Zahnpastatuben und alles was sonst noch zur Zahnhygiene gehört. Die Abfälle werden an „TerraCycle“ geschickt. Das Upcycling-Unternehmen schafft aus den Resten neue Produkte wie beispielsweise einer Gießkanne.

Wien Hotel Bett

Relativ zeitgleich zu diesem Recycling-Projekt sind unsere Upcycling-Zimmer entstanden. Im März haben wir sieben Zimmer im dritten Stock renoviert. Dafür haben wir keine neunen Einrichtungsgestände gekauft, sondern alten Gegenständen eine neue Funktion gegeben. In Kooperation mit der Universität für angewandte Kunst Wien entstanden so individuelle Möbel, Dekogegenstände und Lampen. Einige der Teile stammen vom Flohmarkt. Manches haben wir in unserem Keller gefunden. Weitere haben wir nach einem Facebook-Aufruf von Gästen erhalten. So kamen einige Gürtel, Espressotassen, Besteck und vieles weitere zusammen. Das Ergebnis ist einfach toll!“

Das Motto des gesamten Teams lautet: „Sei du selbst die Veränderung, die dir von anderen wünschst.“ Was sind das für Veränderungen?

 „Ich persönlich wünsche mir, dass ein viel größeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit und ihre Wichtigkeit geschaffen wird. Jeder kann bereits mit Kleinigkeiten eine Veränderung erzielen. Beim Shoppen muss ich mir keine Plastiktüte geben lassen. Da habe ich meine eigene Jute-Tasche dabei. Mittlerweile gibt es da echt stylische.

Zum anderen wünsche ich mir, dass mehr Transparenz von der Industrie geschaffen wird. Schaut man sich die Produkte im Supermarkt an, so ist plötzlich beinahe alles nachhaltig. Alles ist „Bio“. Alles ist voll super. In Wahrheit wird viel Unfug betrieben. Man wird als Konsument oft bewusst getäuscht. Da muss sich etwas tun. Man muss sich darauf verlassen könne, dass das auf den Verpackungen auch stimmt.

Zur Nachhaltigkeit gehört für mich aber auch ganz stark der Mitarbeiteraspekt. Respekt innerhalb des Teams ist besonders wichtig. Von oben nach unten herab diktieren ist für mich nicht zeitgemäß. Das ist etwas, was sich hoffentlich auch andere Betriebe und die Gesellschaft generell zu Herzen nehmen.“

Das passt zur nächsten Frage. Auf der Website wird das Boutiquehotel als „Familienbetrieb“ bezeichnet. Wie äußert sich das?

 „Die Eigentümerin hat den Betrieb von ihren Eltern gekauft. Ihre Eltern unterstützen sie und das Hotel immer noch tatkräftig. Auch Frau Reitterers Schwester ist im Betrieb beschäftigt.

Davon abgesehen sind wir alle per Du miteinander. Man plaudert viel. Es wird auch privates ausgetauscht. Es ist ein sehr entspannter Umgang miteinander. Jeden Tag um 10:30 Uhr, nach dem Gastfrühstück, wird gemeinsam gefrühstückt. Das fördert das Gemeinschaftsgefühl.

Die Meinung eines jeden einzelnen wird bei uns sehr geschätzt. Wenn jemand neue Ideen oder Veränderungsvorschläge hat, ist er jederzeit dazu eingeladen diese einzubringen. Im Intranet haben wir ein spezielles Feld, in das man seine Vorschläge eintragen kann.

Wien Hotel Nachttisch

Die Hierarchien sind bei uns nicht stark ausgeprägt. Natürlich gibt es eine Eigentümerin, eine Direktorin und die einzelnen Abteilungsleiterinnen. Doch es spricht nicht nur die Direktorin mit der Abteilungsleiterin und diese wiederum dann mit der Mitarbeiterin. Alle sprechen miteinander. Das ist besonders wichtig.

Wir legen viel Wert darauf das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter zu fördern. 27 von 29 Mitarbeitern sind Frauen. Da sind auch viele Mütter darunter. Auf diese gehen wir im Dienstplan individuell ein.“

2010 hat das Hotel den Österreichischen Klimaschutzpreis erhalten. Nur eine Auszeichnung von vielen. War mit einer derart positiven Resonanz zu rechnen?

 „Für die Eigentümerin Frau Reitterer war es eine Selbstverständlichkeit, dass wenn man baut, man auch nachhaltig baut. Ihr kam die Idee eines Passivhauses in den Kopf. Damals hat es geheißen „Ein Passiv-Hotel, das gibt es nicht, das geht nicht“. Und da hat sie natürlich gesagt „So, und jetzt erst recht“.

Hinter diesem Gedanken steckt jedoch kein Marketing-Konzept. Mit solch einem Medienrummel um unser Haus hat damals niemand gerechnet. Mit der Bewerbung für den Klimaschutzpreis haben wir dann gemerkt, da ist richtig was im Gange, da ist Interesse. Der Gewinn war überwältigend für uns, wir haben mit dem gesamten Team gefeiert. Erst da habe ich festgestellt, wie viele Menschen den österreichischen Klimaschutz kennen. Das war mir vorher so nicht bewusst und hat mich positiv überrascht.“

Wien wird als eine der grünsten Millionenstädte weltweit betitelt. Ist das tatsächlich so?

 „Immer wieder werden neue „grüne“ Ideen umgesetzt. Konkret gibt es da momentan die Mariahilferstraße, die zur Begegnungszone umgewandelt wird. Auf einigen Teilstrecken bewegen sich dort Autos, Fahrradfahrer und Fußgänger auf einer gemeinsamen Fläche. Der Großteil wird ausschließlich Fußgängerzone. Das vermindert den Autoverkehr stark.

Wien Hotel Lampe

Wir haben in Wien sehr viele Radwege. Diese werden fortwährend ausgebaut. Unterwegs sieht man immer mehr Fahrradfahrer. Auch das öffentliche Verkehrsnetz wird stetig erweitert. Man darf sich auf all dem aber nicht ausruhen, es gibt noch viel zu tun.“

Ist Wien als Reiseziel auch speziell für jungen Leuten zu empfehlen?

 „Ja, absolut! Die Stadt Wien bietet ein breit gefächertes Angebot an Freizeitaktivitäten. Im Sommer sind es die Filmfestivals oder das Open-Air-Kino, im Winter dann die Eislaufbahn am Rathausplatz. Ganzjährig gibt es die verschiedensten Märkte, vom Gemüsemarkt bis hin zum Flohmarkt.

Die Mischung aus Stadt und Natur ist perfekt. Wir haben viele Parks, welche die Stadt sehr grün machen. Darüber hinaus gibt es auch Seen zum Schwimmen und im Winter kann man sogar Ski fahren.

Wien Hotel Regal

Besonders empfehlen kann ich den 6. und 7. Bezirk. Dort gibt es viele kleine individuelle Läden, in denen der Designer noch selber seine Kreationen verkauft. Dort findet man auch zahlreiche Bio- Produkte und nachhaltige Mode.“

Was zeichnet nachhaltigen Tourismus in erster Linie aus?

 „Der bewusste Umgang mit Ressourcen ist einer der wichtigsten Punkte. Luxus muss nicht mit Ressourcenverschwendung einhergehen. Das kann man in unserem Haus denke ich ganz gut sehen. Es ist ein gemütliches Gebäude und man hat alles was man braucht. Das tägliche Wechseln der Bettwäsche gehört nicht dazu. Zu Hause macht das auch keiner. Viele Häuser müssen sich zunächst noch an diesen Gedanken gewöhnen. Und auch die Gäste. Doch geht man sorgfältig mit Ressourcen um, so ist schon einmal ein großer Schritt getan.“

Das möchte ich den Reisenden mit auf den Weg geben..

 „Gerade in seiner Freizeit und speziell im Urlaub soll und muss man bewusst mit Ressourcen umgehen. Um die Touristen dabei zu unterstützen gibt es auf unserer Website die „Green City Map“. Über diese findet man ganz leicht den nächsten Bio-Supermarkt oder die nächste Boutique mit nachhaltiger Mode in Wien. Auch die „Sleep Green Hotels“ sind eine große Hilfe bei der Umsetzung dieses Vorhabens. Dieser Zusammenschluss von grünen Hotels wird gerade in Deutschland immer größer.“

Claudia Plot Website


Name: Claudia Plot
Alter: 31 Jahre
Herkunft: Wien
Wohnort: Wien
Beruf: Hoteldirektorin


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2 Kommentare

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